Wo die Götter wohnen
Johann Gottfried Schadows Weg zur Kunst
ISBN 978-3-929829-72-3erschienen Januar 2008 Zum Buch...
Der Malersteppke und die Muse mit dem KochlöffelDer Schatten des Lehrers, der zwischen den Bankreihen hin und her wanderte, bewegte sich im flackernden Licht der Kerzen an der Wand drohend auf und ab.
Es war der gestrenge Herr Direktor persönlich, Anton Friedrich Büsching, der vertretungsweise in der Elementarklasse des Berliner Gymnasiums »Zum grauen Kloster« unterrichtete. Grau und klösterlich war das Klassenzimmer wirklich, ein feuchtes, kellerartiges Gewölbe, und so düster, daß jeder Schüler ein Talglicht mitzubringen hatte, um den dunklen Raum an trüben Tagen notdürftig zu erhellen. Die knieten vor den niedrigen Sitzbänken, denn Tische oder Pulte gab es nicht, so daß die Bänke als Schreibunterlage dienen mußten, wenn es galt, die Rechenaufgaben zu lösen, mit denen sie beschäftigt waren, während der Herr Direktor hinter seinem Katheder Platz nahm, um die Hausaufgaben durchzusehen. Kaum hatte er damit begonnen, als er Unruhe in den hinteren Reihen bemerkte. Zoll für erhob sich der Magister in seinem schwarzen Schoßrock und wandelte sacht durch den Mittelgang der Klasse. Plötzlich stieß er wie ein Habicht auf die Sünder, die erschrocken auseinanderfuhren, und nahm den Hauptübeltäter beim Kragen. »Ha, dacht ich‘s mir doch!« Der Blick des Gestrengen fiel auf einige Schiefertafeln, die der Schüler Gottfried Schadow vor sich liegen hatte. Der Herr Direktor schüttelte den Kopf, während er die Tafeln näher in Augenschein nahm. Statt mit Rechenexempeln waren sie mit knabenhaften, doch überraschend naturgetreuen Skizzen bedeckt, mit Pferden, Kühen, einem stolzen Hahn und einem Klapperstorch im Nest auf dem Strohdach. War der Bengel doch wieder in seine oft gerügte Unart verfallen, diese Zeichnungen für seine Mitschüler zu kritzeln, die solche Bildchen gern mit nach Hause nahmen und ihm dafür die Rechenaufgaben lösten. Die blaugrauen Augen in dem schmalen Jungengesicht blickten den Lehrer schuldbewußt an, aber das gefürchtete Donnerwetter blieb aus. »Nicht übel«, äußerte der Direktor anerkennend, »Junge, wo hast du das bloß her?« – Die Frage war nicht unberechtigt, denn Zeichenunterricht erhielten die Elementarschüler nicht, er blieb den Gymnasiasten vorbehalten, die Gottfried beneidete, wenn er sie mit ihren Skizzenmappen in der Hand durch die malerischen Winkel des alten Klostergartens wandern sah. Er hätte dabeisein mögen, aber das blieb ihm verwehrt; ein Aufstieg in die Gymnasialklassen kam für ihn wie für seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Rudolf nicht in Betracht, denn nicht Strebsamkeit und Begabung waren ausschlaggebend, sondern der Geldbeutel der Eltern. Büsching, ein aufgeklärter Mann, Verfasser einer seinerzeit gerühmten »Erdbeschreibung«, hatte das zwar als Unrecht an den Talentierten unter den Elementarschülern empfunden und sich deswegen an die vorgesetzte Behörde und sogar an den König selbst gewandt, mußte sich aber belehren lassen, daß eine höhere Bildung nur durch ein höheres Honorar zu erlangen sei, denn für die Elementarschüler wurde eine Schultaxe von sechs Talern jährlich gefordert, während die Eltern der Gymnasiasten mehr als das Dreifache dieser Summe aufzubringen hatten. Gottfried war das einzige der fünf Schadow-Kinder, dem es in den Fingern juckte, lange schon, bevor er in die Schule ging, sobald er ein Blatt entdeckte, auf dem Platz für eine Zeichnung war. Weder sein jüngerer Bruder Rudolf, der ein braver Verwaltungsbeamter wurde und es bis zum Rechnungsrat im Handelsministerium brachte, noch seine Schwestern Christel und Lotte zeigten eine ähnliche Neigung, und Hannchen, die jüngste, starb schon im Alter von vier Jahren. Die Eltern aber waren erstaunt gewesen, als sich der Zeichentrieb in Gottfried regte, denn eine Art Trieb war es wohl, und der Vater, ein braver Schneidermeister, war wenig begeistert von dem Treiben seines Ältesten. Schon eher fand er bei der Mutter Verständnis für seine Liebhaberei. Doch waren die Verhältnisse in der kleinen Wohnung des Schneidermeisters Schadow in der Heiligengeiststraße in Berlin der Erfüllung von Gottfrieds Knabenträumen wenig günstig. Die harte Lebensnotwendigkeit diktiert in diesem Kreis tüchtiger, rechtschaffener Menschen. Das »tapfere Brot«, von dem der Doktor Martin Luther einst in einer seiner Tischreden sprach, muß schwer verdient werden. Meister Schadow weiß gewiß mit Nadel, Schere, Elle und Bandmaß geschickt umzugehen und seinen Mann zu kleiden, doch er ist beileibe keiner jener französisch parlierenden Tailleurs à la mode, bei denen die Hofleute, der Beamtenadel, die Söhne der durch Heereslieferungen reich gewordenen Kaufleute und Fabrikherren arbeiten lassen; der durch den Siebenjährigen Krieg ausgelaugte Mittelstand aber, der vorzugsweise zu Meister Schadows Kunden zählt, ist wenig zahlungskräftig. Dem kleinen Handwerksmeister wird es sauer, die zwölf harten Taler Schultaxe für seine beiden Söhne Johann Gottfried und Rudolf pünktlich zu entrichten, zumal auch die beiden Mädel, die Christel und das Lottchen, zu ihrem Recht kommen müssen. Wenn feierabends das berühmte, aus siebenunddreißig Glocken bestehende Glockenspiel der nahen Parochialkirche seine Choralmelodien ertönen ließ, versammelte sich die Familie um den großen Familientisch. Der kränkliche Meister ruhte im Lehnstuhl den vom langen Hocken auf dem Schneidertisch geplagten Rücken aus, und die Kinder gingen ihren Lieblingsbeschäftigungen nach; die Mädchen spielten mit ihren Puppen, der lerneifrige Musterschüler Rudolf übte sich in schnörkelhafter Schönschrift, und Gottfried zeichnete unentwegt wie immer, wobei er die Zungenspitze zwischen den Lippen hervorgucken ließ. Bald kam dann der Augenblick, wo die Mutter, die breithüftige Frau Kathrin, den Stopfpilz ruhen ließ und aus einem ihrer sorgsam gehüteten Bücher vorlas, vornehmlich Sagen und Märchen aus dem Born altdeutschen Volkstums. Die Arme schwer aufgestützt, lauschte der phantasievolle Gottfried der Lieblingssage der Mutter, der seltsamen Geschichte von Fortunatus‘ Wunschhütlein und Glückssäckel, mit deren Hilfe man sich jeden Wunsch erfüllen konnte. Wenn er so ein Hütlein und Glückssäckel besäße, er wüßte schon, was er sich wünschte! Wie ihr wortkarger, meist in sich gekehrter Ehemann stammte Frau Anna Katharina vom Lande, aus der Gegend von Zossen, doch kam sie schon als junges Ding in die Hauptstadt, um in dem Kramladen eines bejahrten Oheims mitzuhelfen,der ehemals Buchdrucker war und die unterschiedlichsten Bände in seine Altersbleibe mitgenommen hatte. Diese geheimnisreiche Welt der Bücher fesselte in zunehmendem Maße die muntere Kathrin, der die Berliner Luft ausgezeichnet bekam. Es war durchaus nicht Zufall oder Neugier, wenn sie immer wieder nach den Büchern des Oheims griff, sondern ein ernsthafter Trieb, ihren geistigen Horizont über ihren Stand hinaus auszuweiten. Eine vage, doch tief empfundene Vorstellung von etwas Höherem, das über dem banalen Alltag stand, war ihr eigen, und sie übertrug diese Neigung auf das empfänglichste ihrer Kinder, auf Gottfried. Mit ihrer wachen Intelligenz spürte diese Frau aus dem Volk sehr wohl, daß in dem noch ziellosen, aber originellen Schaffenstrieb ihres Jungen ein steckte, wie man es nicht alle Tage auf der Straße findet. Sie hörte es nicht ohne Stolz, wenn die Nachbarn ihren unter dem Spitznamen »Malersteppke« bekannten Sprößling lobten, der seine Spielkameraden so freigebig mit schmucken Bildchen versorgte, und sie war bereit, alles für eine glückliche Zukunft ihres Goldjungen zu tun. In ihrem stattlichen Busen schlug ein mütterliches Herz. Ihre Zärtlichkeit galt ganz besonders ihrem Erstgeborenen. War er doch ein Kind der Liebe, das im schönen Monat Mai zur Welt gekommen war, nachdem sie sich im Februar 1764 mit dem Schneidermeister Schadow, einem Jugendgespielen aus dem heimatlichen Nachbardorf, ehelich verbunden hatte. Zu dieser »Muse mit dem Kochlöffel«, wie Schadow in einem Erinnerungsblatt seine Verbündete aus den ersten Jahren seiner Wegsuche einmal nannte, scheint das Familienoberhaupt nicht recht zu passen. Nicht, daß an dem Eheleben der beiden so gegensätzlichen Naturen etwas auszusetzen wäre. Vater Schadow, der »Herzvater«, wie er in respektvoller Elternliebe von den Kindern genannt wird, ist nicht so streng, wie er auf den ersten Blick wirkt mit seinem schmalen, hageren Märkergesicht, der fliehenden Stirnpartie, den tief eingebetteten, scharf beobachtenden Augen, den leicht herabgezogenen Mundwinkeln, der schwungvoll aus den starken Jochbeinen hervorspringenden Nase – alles physiognomische Merkmale, die sich auf seinen Ältesten vererbt haben. Er thront auf seinem Schneidertisch oder in seinem hohen Lehnstuhl wie ein Patriarch über der Familie, ohne zu merken, daß es seine weit lebenstüchtigere Kathrin ist, die nach der Art kluger Frauen sacht die Zügel führt. Ihre weibliche Diplomatie bewirkt, daß er sich bei allen Meinungsverschiedenheiten stets als letzte Instanz fühlt. So läuft alles glatt und reibungslos. Nur wenn man auf Kunst und Künstler zu sprechen kommt, wird der sonst umgängliche Meister sauer. Ein wunder Punkt ist in ihm berührt. Er hatte sich nämlich ursprünglich selbst auf die feine, die künstliche Schneiderei werfen wollen, wie sie für die Garderobe der Lakaien und galonierten Domestiken der reichen Häuser gebraucht wurde, er hatte ein Talent dafür in sich gespürt, und er war es leid geworden, den Bauern im Zossener Land immer nur die Hosen zu flicken und ihnen alle Jubeljahre einen Anzug zu verpassen. Es gab nur einen Ort in Preußen, wo er seine Kunstfertigkeit beweisen konnte – Berlin. Dort war ein lebhafter Aufschwung zu verzeichnen, kaum daß sich die Gewitterwolken des Siebenjährigen Krieges verzogen hatten. Friedrich II. hatte viel dafür getan, seine Residenz auszuschmücken und die erschöpfte Staatskasse wieder zu füllen. Der Friedrichsdor fing wieder an zu rollen – allerdings nur für die obere Gesellschaftsschicht, nicht aber für die breite Bevölkerung, die für einen Hungerlohn in den Fabriken und Manufakturen arbeitete. Mit großen Erwartungen hatte sich der junge Schneidermeister in Berlin niedergelassen, doch die Ernüchterung folgte schnell. Seinem klaren Verstand blieb nicht verborgen, daß die Prunk- und Verschwendungssucht der Herrenschicht keine solide Grundlage hatte. Längst war es ein offenes Geheimnis, daß der Feudaladel bis über die Ohren verschuldet war und bei den jüdischen Bankhäusern wie Itzig, Beer und Ephraim tief in der Kreide steckte, daß höchste Offiziere und Mitglieder des Beamtenadels Jüdinnen und Bürgertöchter aus reichen Häusern heirateten, nur um sich zu sanieren. Bis in die bürgerlichen Kreise hinein, die Nachläufer und Nachahmer des Adels, hatte sich eine hektische Putz- und Geltungssucht breitgemacht, Spekulationen und Bankrotte lösten einander ab. Daß man über seine Verhältnisse lebte,war fast eine Zeitkrankheit, und auch das Besitzbürgertum war von ihr erfaßt. Die tiefgreifende Unsolidität im Geschäftsleben sollte auch der Schneidermeister Schadow zu spüren kriegen. Er hatte endlich die noble Kundschaft gefunden, bei der seine geschickte Nadel dankbare Aufgaben fand. Es waren die fast ausschließlich italienischen und französischen Bildhauergehilfen, die in der Werkstatt des Königlichen Hofbildhauers Jean-Pierre-Antoine Tassaert in dem sogenannten Grottenhaus an der Ostseite des Lustgartens als Gipsgießer, Former, Marmorboßler, Zeichner oder Modelleure angestellt waren, denn der König von Preußen hielt nichts von deutschen Künstlern, ob es nun Schriftsteller, Komponisten, Sänger, Maler oder Bildhauer waren. Italiener oder Franzosen mußten es sein, die auch ihre Gehilfen, die »Compagnons«, aus ihrer Heimat mitbrachten. Diese Kunsthandwerker, die sich nach des Tages Last und Mühe mit echt romanischer Grazie und Lebenslust in ihren goldbordierten Samtröcken mit bestickten Manschetten, Jabots und seidenen Kniehosen, den Zierdegen an der Seite, in der preußischen Hauptstadt wie Kavaliere bewegten, bereiteten dem ehrbaren Handwerksmeister in puncto Kasse manchen Kummer. Bei diesem liederlichen, heillosen Volk, das so schnell kaufe und so langsam bezahle, so schimpfte Meister Schadow, müsse man sich schier die Hacken ablaufen, wenn man zu seinem Geld kommen wolle. Zu seinen Sorgenkindern gehörte vor allem ein bestechend liebenswürdiger Bildhauergehilfe aus dem Königlichen Atelier mit dem tönenden Namen Giovanni Battista Selvino. Der flotte, zeichnerisch hochbegabte Kunstjünger war als Sproß einer aus Florenz eingewanderten Familie mit Spreewasser getauft. Seine Sprechweise war ein drolliges Gemisch aus Italienisch und waschechtem Berlinisch; sein angeborener Frohsinn, sein Charme waren ansteckend. Man mußte ihm gut sein. Wenn er in der Heiligengeiststraße erschien, brachte er immer einen tüchtigen Schuß goldnen Künstlerleichtsinns mit in den strengen Pflichtenkreis des Handwerkers. Obwohl er mit einem hübschen Schuldsümmchen bei dem Schneider zu Buche stand, hatte der sonst leicht brummige Meister eine Vorliebe für diesen Luftikus und kreditierte ihm immer wieder. Schade, jammerschade, daß der junge Mann, der bereits Frau und Kinder hatte, zu den Kunden gehörte, bei denen man förmlich rätseln mußte, wann sie wieder mal eine Rate bezahlten. Zu dieser Sorte von Liederjahnen sollte sein ältester Sohn mit seiner Zeichenfaxerei nie gehören. Vater Schadow wollte schon aufpassen und ihm Bewegung verschaffen, damit er nicht auf dumme Gedanken kam. So machte Gottfried denn unentwegt den Laufburschen für den Schneiderbetrieb. Auf einem dieser Bestell- und Botengänge geschieht das, was der Vater gerade verhüten wollte: Gottfried gerät in eine enge Berührung mit perfekter Kunst, die so erregend auf ihn wirkt, daß sie für seine Zukunft entscheidend wird. Ein Italiener hat in einer Auslage auf der Breiten Straße am Marstall Kupferstiche ausgestellt. Diese Blätter üben auf den jungen Gottfried eine magische Anziehung aus, weniger durch die der antiken Nymphen- und Faunsage entnommenen Motive als durch die graziöse, spielerische Leichtigkeit der Strichführung. An diesem Ort »vertrödelte er mit seine angenehmsten Stunden«, wie er sich später ausdrückte. Er bewundert das Können des Italieners. Schmerzlich aber ist es ihm, erkennen zu müssen, wieviel ihm selber fehlt. Die möglichst genaue Wiedergabe von Mensch und Tier, von Häusern und Landschaften genügt nicht: es gibt offenbar bestimmte Fertigkeiten in der Behandlung von Licht und Schatten, von Vordergrund und Hintergrund, ganz abgesehen von der speziellen Technik des Kupferstiches, alles Dinge, von denen er keine klare Vorstellung hat. Immer wieder haften seine prüfenden Blicke, selbst im grellen Sonnenlicht, auf den Stichen, bis er sich fast die empfindlichen Augen verdirbt. Er ist fest entschlossen, alles, was sich erlernen läßt an Kunstfertigkeiten, in Erfahrung zu bringen, koste es, was es wolle. Zunächst aber verschließt er das Erlebnis fest in sich. Die Rüffel, die der Vater dem Bummelanten zu Hause verpaßt, schluckt er in verstocktem Schweigen. Doch die Mutter holt das Geheimnis aus ihm heraus. Sie brütet einen Plan aus, der dazu dienen soll, ihrem Jungen zu helfen. Spätabends, während sie ihrem Mann bei einem eiligen Auftrag mit dem Plätteisen zur Hand geht, bringt sie so nebenbei das Gespräch darauf, was aus ihren beiden Söhnen einmal werden soll. Rudolf, das ist klar, schickt sich mit seiner Ordnungsliebe und seinem ausgeprägten Pflichtgefühl am besten für einen Beamten. »Und der Gottfried, na ja, der ist ganz helle, und ´ne extra schöne Begabung hat er wohl auch!« Der Meister wird hellhörig und wirft einen mißtrauischen Blick auf seine Ehefrau. Doch Kathrin bügelt weiter unverdrossen ihre Bahn auf und ab. Zwischendurch bemerkt sie gemütlich: »Mit dem Zeichnen, Mann, läßt sich schließlich auch ein gutes Stück Geld verdienen, du siehst es an den Graveuren und Lithographen in der Druckanstalt am Kupfergraben.« Der Meister brummelt unwirsch: »Du weißt, daß ich von dem ganzen Künstlerkram nichts wissen will, Mutter!« Die gewiefte Diplomatin nickt bestätigend. »Das stimmt schon, Vater, im allgemeinen, und natürlich weißt du es besser.« Sie ändert ihre Taktik und gibt dem Partner Zucker: »Bloß, wenn ich es recht bedenke, das Künstlerische, das hat er eigentlich von dir. Du bist doch wirklich ein Meister in der feinen, dekorativen Schneiderei!« Das Bonbon ist dem Manne gut bekommen. Er wiegt sinnend den Kopf. Mutter Schadow ist weiter am Zuge: »Man bloß, ein tüchtiger Zeichenlehrer müßte her!« »Was das wieder kosten würde!« sagt der Schneider seufzend. »Jarnischt, Mann«, erwidert die Mutter seelenruhig, »keinen Sechser!« Sie setzt zum entscheidenden Vorstoß an, während sie mit der feuchten Hand die Temperatur des Eisens prüft. »Sieh mal, da ist doch der Selvino, der Battista. Ein Luftikus, nun gut, aber doch ´n tüchtiger Fachmann, sonst hätte er kein Traktament bei der Königlichen Werkstatt mit dreihundert Talern im Jahr als Modellzeichner. Der könnte durch den Unterricht seine Schulden bei dir abarbeiten, wir haben doch, weiß Gott, nichts zu verschenken.« Der Vorschlag scheint dem sparsamen Handwerker nicht schlecht. Er überlegt einen Augenblick und nickt dann in seiner kargen Art beifällig. Mutter Schadow weiß sich dicht am Ziel. Um ganz sicher zu gehen, feuert sie noch eine Rakete ab. Scheinheilig äußert sie: »Aber ob die beiden, der Selvino und der Gottfried, überhaupt wollen?« »Daß überlaß gefälligst mir«, sagt der Eheherr gebieterisch, »mit dem Selvino, diesem Spree-Italiano, will ich schon gut Deutsch reden. Und der Junge soll gleich morgen früh erfahren, woran er ist!« Diese letzte Bemerkung des »Herzvaters« war überflüssig. Der, um den es bei diesem abendlichen Dialog ging, der junge Gottfried, war längst aus der neben der Werkstatt gelegenen Schlafkammer, die er mit dem Bruder Rudolf teilte, herausgeschlüpft und hatte an der Tür gelauscht. Voller Spannung und Erwartung stand er da, die Hände gegen die Brust gepreßt, als könne das Herzklopfen ihn verraten. |
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