Die Anti-Springer Kampagne
Am 3. Juni 1967, einen Tag nach den Schah-Krawallen, wetterte ein Berliner Leitartikler gegen die »Randaliersucht gewisser linksextremer deutscher Studentengruppen«. »Das vielfach kritisierte Massenaufgebot an Polizei«, so der Kommentator, »war zweifelsfrei insoweit berechtigt, als der Ablauf eines Staatsbesuches nicht einigen Demonstranten oder dem anarchistischen Randaliertrieb einer unreifen Minderheit überlassen werden kann«, denjenigen, »die auch ohne jegliches politisches Interesse stets zur Stelle sind, wenn irgendwo mit einem Krawall zu rechnen ist«. Schließlich charakterisierte er die Gegner des iranischen Kaisers als »ein kleines Häuflein törichter Quertreiber«.
Diese Sätze waren nicht etwa in der Bild-Zeitung, dem bevorzugten Hassobjekt der studentischen Revolutionäre, oder einem anderen verfemten Blatt aus dem Hause Springer zu lesen. Nein, sie standen auf der Titelseite des ebendiesen »progressiven« Kräften immer wieder auch mit verhaltener Sympathie begegnenden Berliner Tagesspiegel.
Verfasser des mit »Gz.« gezeichneten Artikels war Klaus-Dieter Gurezka, ein mir bekannter, kluger und besonnener Kollege. Gurezka war, als er seinen Artikel in Druck gab, sicher über die Räumungsaktion vor der Oper informiert, kannte aber wohl nicht ihr volles Ausmaß und wusste noch nichts davon, dass der Student Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden war. Aber seinem Urteil über die gewalttätige Minderheit, die an jenem Tag sowohl am Rathaus Schöneberg als auch an der Oper die Provokation suchte und die Stimmung anheizte, stimme ich auch heute noch zu, weil ich dieVorgänge nicht anders erlebt habe. Das Urteil entsprach sehr wahrscheinlich auch der Ansicht der meisten Berliner. Man stelle sich vor, der Leitartikel wäre in einer Springer-Zeitung erschienen. Wahrscheinlich hätten ihn Republikanischen Club oder der AStA der FU sofort als skandalöse Verfälschung der Tatsachen und voreingenommenen Angriff auf völlig unschuldige Demonstranten gebrandmarkt.
Vielleicht wäre der Text auch auf einem Flugblatt mit dem Zusatz »So hetzt man an der Kochstraße« als Beispiel für die Manipulation des »reaktionären« Verlegers Axel Cäsar Springer verteilt worden. Und ganz sicher hätten so manche sich besonders liberal dünkende Sittenwächter des linken Establishments einen Anlass gehabt, sich wochenlang zu entrüsten. Warum ich dies hier schildere? Weil ich fest davon überzeugt bin, dass die Kampagne, die gegen den Verleger in den Jahren 1967 und 1968 in Gang gesetzt wurde, nicht allein eine Reaktion auf die – keineswegs einheitliche – Haltung seiner Blätter gegenüber den rebellischen Studenten und ihren utopischen Zielen war. Die Protestbewegung benötigte den zum Feindbild stilisierten Verleger geradezu, um sich daran emporzuranken und ihren Anhängern ein Angriffsziel zu bieten. Wenn das Ziel Springer nicht vorhanden gewesen wäre, hätte es von den Initiatoren der Rebellion erfunden werden müssen.
Natürlich zeigte der eine oder andere Springer-Journalist in der damaligen Situation nicht immer das nötige Fingerspitzengefühl. Aber ich habe seinerzeit keinen gekannt, der sich den Kritikern gegenüber in einen Schützengraben begeben und sie so blindwütig verteufelt hätte, wie diese es mit taten. Die Gegner des Verlegers machten sich, uninformiert und unerfahren, wie sie waren, weit übertriebene Vorstellungen von der Wirkung von Zeitungsartikeln und der politischen und wirtschaftlichen Macht eines Verlegers.
In den Sozialwissenschaften hatte man schon bald nach dem Ersten Weltkrieg festgestellt, dass nicht die Presse die Volksstimmung mache, sondern umgekehrt die die gestalte. So schrieb der deutsch-holländische Journalist und Medienwissenschaftler Kurt Baschwitz in seinem 1923 erschienenen Standardwerk Der Massenwahn: »Die Macht der Presse ist ein Aberglaube.«
Wahrscheinlich hätte man diesen Befund schon Mitte der Sechzigerjahre auch mit der Feststellung ergänzen können, dass der Einfluss des Fernsehens den der Zeitungen bei weitem übertraf. Die Springer-Gegner nahmen dies nicht zur Kenntnis. Sie glaubten, es wäre in ihrem Sinne schon viel erreicht, wenn vor allem der Einfluss ausgeschaltet würde, den sie der Bild-Zeitung zuschrieben.
In dieser Auseinandersetzung schlugen sich auch konkurrierende Verleger und eine linksliberale Öffentlichkeit auf ihre Seite. Manche bekämpften mit offenem Visier, andere taten es heimlich. Er war nicht nur den Verlegerkollegen einfach zu erfolgreich und sein Unternehmen, das größte Zeitungsdruckhaus des Kontinents, zu riesig geworden.
Axel war in Hamburg im ersten Nachkriegsjahrzehnt aus bescheidenen Anfängen bereits zum Großverleger aufgestiegen, bevor er in den letzten Dezembertagen des Jahres 1959 die Aktienmehrheit und in den Monaten danach fast alle Anteile des in wirtschaftliche Probleme geratenen Berliner Ullstein-Verlages übernahm. Er brachte in die Blätter Berliner Morgenpost (Auflage im 4. Quartal 1967: 238 700 Exemplare) und BZ (326 700) schnell neuen Schwung. Seine Tageszeitungen, zu denen auch die lokalen Ausgaben der Bild-Zeitung und der Welt gehörten, erreichten im zweiten Halbjahr 1967 in West-Berlin insgesamt einen Marktanteil zwischen 65 und 68 Prozent. Bundesweit kamen 39,2 Prozent der Zeitungsauflage aus dem Hause Springer.
West-Berlin war ein überschaubarer Raum, in dem kaum etwas unbemerkt verändert werden konnte. Deshalb fiel es doppelt auf, wie Springer seit Beginn der Sechzigerjahre den gesamten Zeitungsmarkt an der Spree veränderte und schließlich dominierte. Den Verlegern der anderen in der Stadt erscheinenden Zeitungen – Tagesspiegel (93 900), Telegraf (83 400), nacht-depesche (43 200) und Spandauer Volksblatt (24 900) –, deren Auflagen stagnierten oder zurückgingen, konnte dies natürlich nicht gleichgültig sein.
Mit scheelen Augen betrachteten sie, wie der Konzern des Zuwanderers Springer Jahr für Jahr weiter wuchs. Seine Berlinpräsenz wurde auch im Stadtbild unübersehbar. Während sich andere Unternehmer nach der Blockade 1948/49, dem Chruschtschow-Ultimatum im November 1958 und dem Mauerbau im August 1961 von West-Berlin abwandten, baute Springer sein Hochhaus, für das er den Grundstein schon im Frühjahr 1959 gelegt hatte, unbeirrt zu Ende. Am 6. Oktober 1966 weihte er das fast hundert Millionen Mark teuere und 19 Stockwerke hohe Gebäude mit seiner goldfarbenen Fassade sowie einem angebauten Druckereitrakt mit einigem Aufwand ein. Grundstücksgrenze war auf 410 Metern Länge die durch eine Mauer befestigte Trennungslinie zwischen Ost- und West-Berlin. Zu der Einweihungsfeier kamen auch Bundespräsident Heinrich Lübke und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt.
Axel Springer wurde an jenem Tag von allen Seiten für sein Berlin-Engagement gelobt und noch mehr bewundert. |