Kommune 1: Legende und Wirklichkeit Sommer 67KOMMUNE 1 – Von der Gründung bis zum »Pudding-Attentat« Die Kommune 1 (K 1) wurde zum Jahresbeginn 1967 von Mitgliedern des SDS gegründet. Bis heute ranken sich um diese antibürgerliche und pseudopolitische Lebens- und Wohngemeinschaft zahlreiche Mythen. Als eine »Wolke aus Worten und Gesten« hat sie die Frankfurter Allgemeine 1985 in einem Rückblick bezeichnet. Was heißen soll, dass ihre provozierenden Aktionen, mit denen sie das Streben nach gesellschaftlichen Veränderungen simulierte, ohne einen echten Hintergrund und nichts weiter als spätpubertäres Gehabe waren. Sogar der den Kommunarden von der verklärenden 68er-Literatur bis heute zugeschriebene Beitrag zur sexuellen Emanzipation ist eine Täuschung. Aus Aufzeichnungen von Mitgliedern der Wohngemeinschaft, vor allen von Kommunefrauen, geht hervor, dass die meisten dieser Propagandisten der Revolution und der »freien Liebe« in spießigen und zeitweise sehr bescheidenen Verhältnissen lebten. Außerdem betätigten sich diese Hätschelkinder der meisten damaligen Medien sowie Horrorgestalten einer desorientierten und nur allzu leicht zu beeindruckenden Öffentlichkeit gesellschaftsfeindlich. Es wird sogar behauptet, die von der Kommune erstmals praktizierte Lebensweise habe befreiend gewirkt und zu einer nachhaltigen Auflockerung der vor 1968 bestehenden »bleiernen« gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland geführt. Wer sich mit der Geschichte der Kommune 1 eingehender beschäftigt hat, weiß, dass das nichts anderes als Legendenbildung ist. Nachdem ihr Vorhaben eines gemeinsamen freien Zusammenlebens schon nach wenigen Wochen beinahe am Gruppenzwang gescheitert wäre, fristete diese auch »Horrorkommune« genannte Gemeinschaft dann ihre Existenz nur deshalb die lange Zeit von rund 22 Monaten, weil sie mit einer Überreaktion der Medienwelt rechnen konnte. Wo weitgehende Nichtbeachtung geboten gewesen wäre, wurden ihre – neu zuziehende und vorzeitig ausziehende Personen mitgerechnet – etwa ein Dutzend Mitglieder zu Figuren der Zeitgeschichte stilisiert und als Teil der »unruhigen Jugend« der späten Sechzigerjahre dargestellt. »Ihr müsst euch entwurzeln!«, rief der damals noch in einem Keller des Münchener Künstlerviertels Schwabing hausende Dieter Kunzelmann einer Schar von zwei Dutzend Gleichgesinnten zu. »Weg mit euren Stipendien! mit eurer Sicherheit! Gebt das Studium auf! Riskiert eure Persönlichkeit!« Entwurzelung müsse auch heißen: »Raus aus euren Zweierbeziehungen! Sucht nicht eure Sicherheit und euren Besitzanspruch bei dem anderen! Seid eine offene « Es war Juli 1966. Berliner und Münchener Aktivisten saßen in einer Ferienvilla im oberbayerischen Luftkurort Kochel beisammen, um sich die Köpfe darüber heiß zu reden, wie sie das verhasste bürgerliche Dasein aufgeben und eine neue, revolutionäre Form des Zusammenlebens finden könnten. Eine Woche lang dauerte das Treffen siebzig Kilometer südlich der bayerischen Landeshauptstadt. Erschienen waren aus Berlin außer Rudi Dutschke auch dessen Vertrauter und Ideengeber Bernd Rabehl sowie Eike Hemmer, ein ehemaliger Assistent des Berliner SPD-Linken Harry Ristock. Von den in der Villa versammelten Möchtegern-Revoluzzern gehörten außer Kunzelmann dessen damaliger Freundin Dagmar Seehuber und der Student Hans-Joachim Hameister zu den Mitbegründern der Kommune 1. Nachmittags unternahm man gemeinsame Wanderungen am Kochelsee. Danach wurde bis in die frühen Morgenstunden debattiert. Auch die gerade in England stattfindende Fußballweltmeisterschaft war ein Diskussionsthema. Gastgeber war der SDS-Student Lothar Menne, dessen Eltern ihr nobles Haus zum zweiten Mal innerhalb von sieben Monaten den politischen Freunden ihres Sohnes zur Verfügung stellten. Menne war von der Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung der überkommenen Lebensformen überzeugt. Aber als die Kommune-Pläne ein halbes Jahr später – wenn auch bescheidener, als gedacht – Wirklichkeit wurden, beteiligte er sich nicht an dem Experiment. Statt nach Berlin ging er an die Universität in Frankfurt am Main. Dort gab der gesellschaftskritische Sohn aus gutem Hause schon 1968 sein erstes Buch heraus – über den von der Studentenbewegung bewunderten kubanischen Guerillakämpfer argentinischer Herkunft Ernesto »Che« Guevara, der im Oktober 1967 im bolivianischen Dschungel umgekommen war. Von 1969 bis 1971 engagierte sich Lothar Menne dann im Solidaritätskomitee für die inhaftierte schwarze amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis. Später leitete er als einer der erfolgreichsten deutschen Buchverleger nacheinander die Verlage Fischer, Hoffmann & Campe und Ullstein. Als er im Februar 2004 bei Ullstein gehen musste, machte er sich in Berlin mit einem eigenen Verlagsbüro selbständig und übernahm schon bald danach die Zusammenstellung der »Bild-Bestseller-Bibliothek«, also der Buchreihe des im Verlag Axel Springer erscheinenden Boulevardblattes Bild-Zeitung. Menne soll, wie im Juli 2007 ein Informationsdienst schrieb, später gefragt worden sein, warum er nicht auch Mitglied dieser sich als Vorhut einer Kulturrevolution fühlenden Kommune geworden sei. Darauf habe er geantwortet, dass er sich bei dem Gedanken gegruselt habe, mit Kunzelmann unter einem Dach zu wohnen. Aber es war wohl nicht nur der sich in der Kommune als gestrenger Zuchtmeister aufspielende Kunzelmann, der manchen Aspiranten abschreckte. Auch Rudi Dutschke, der in Kochel häufig das Wort geführt und zusammen mit Kunzelmann die Kommune-Idee entwickelt hatte, kniff, als es damit ernst werden sollte. Im Herbst 1966 beteiligte sich Dutschke noch an weiteren Diskussionen, zum Beispiel darüber, ob solche neuen politischen Wohngemeinschaften, die ja nicht nur in Berlin entstehen sollten, die verbotene KPD ersetzen könnten. Man wollte so revolutionär sein wie die Pariser Kommune von 1871. Auch den Roten Garden in der Volksrepublik China, die just in jenem Sommer des Jahres 1966 im Auftrag des »Großen Vorsitzenden« Mao mit großer Brutalität die Große Proletarische Kulturrevolution vorantrieben, gehörte die Bewunderung der Berliner Kommune-Strategen. Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann, Horst Mahler, Rabehl und Hans-Joachim Hameister diskutierten damals ernsthaft die Frage, ob nicht eine ähnliche Umwälzung wie in China in den westlichen Gesellschaften in Gang gesetzt werden könne. Die geplanten Kommunen sollten Maos Idee der »Volkskommunen« nachempfunden werden. Wenigstens ein Anfang auf dem Weg zur erträumten neuen, schöneren und gerechteren Welt sollte es sein, meinten die Berliner Vordenker. |
|
|

