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Berlin 1968

Die andere Perspektive

ISBN 978-3-929829-85-3
erschienen Februar 2008

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Vorwort

Das Jahr 1968 war ein schwieriges für die West-Berliner Bevölkerung. Sowjetbotschafter Pjotr A. Abrassimow und der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht protestierten im Februar wieder einmal gegen die Präsenz und die Aktivitäten des Bundes sowie seiner Organe in der Stadt.


Im April verbot die Regierung leitenden Beamten der Bundesregierung die Durchreise durch ihr Hoheitsgebiet nach West-Berlin. Auch einige missliebige Journalisten wurden willkürlich in dieses Verbot einbezogen. Im Juni führte die DDR den Pass- und Visumszwang für Berlin-Reisende ein.
Deprimierend ging das Jahr 1968 aber auch für die aufbegehrenden jungen Leute zu Ende, die im Jahr zuvor mit dem utopischen Ziel einer Revolutionierung von Staat und Gesellschaft angetreten waren. Zwar glaubten sie wie viele Altersgenossen in aller Welt, sie könnten mit Protesten ein baldiges Ende des Vietnamkrieges herbeiführen. Den Aufrufen ihrer Wortführer, in den westlichen Metropolen »zwei, drei, viele Vietnams« zu schaffen, wollten aber nur wenige wirklich folgen.

Es wurde chic, den Ansteckbutton »Enteignet Springer« zu tragen. Doch für den Steinhagel auf das Berliner Springer-Verlagsgebäude im April musste Anwalt Horst Mahler mit mehr als einer halben Million Mark Schadensersatz geradestehen. Die Erwartung, dass nach dem »Pariser Mai« der Funke des Aufruhrs auch auf deutschen Arbeitnehmer überspringen würde, erfüllte sich schon deshalb nicht, weil die Streiks und gewalttätigen Auseinandersetzungen in Frankreich ein schnelles Ende fanden.


Die aufgeregten Warnungen vor der neuen deutschen Notstandsverfassung erwiesen sich nach deren Verabschiedung Ende Mai als Schwarzseherei. Der »Prager Frühling«, den in beiden Teilen Deutschlands manche mit ihren Lebensverhältnissen Unzufriedene als Vorbild für eine bessere Form des Sozialismus herbeisehnten, geriet im August unter die Ketten sowjetischer Panzer.

Die Studenten an den West-Berliner Universitäten übten fast während des ganzen Jahres massiven Druck auf missliebige Professoren aus, behinderten den Lehrbetrieb, besetzten und demolierten Institute. Aber es zeigte sich bald, dass diese Militanz überflüssig und voreilig war, und auch die Aktionisten merkten schließlich, dass sie sich damit vor allem selber schadeten:
Reformen konnten sie an den Hochschulen auch ohne Gewaltanwendung durchsetzen. Auf die »Justizkampagne«, durch die im November SDS-Aktivisten mit finsterer Entschlossenheit den Aufruhr, als er schon erlahmte, neu entfachen wollten, folgte der Pyrrhussieg der »Schlacht am Tegeler Weg«. Von dieser brutalen Auseinandersetzung führte schließlich über »privaten Terror« gegen »Charaktermasken des kapitalistischen Justizapparats « der Weg zur Auflösung des SDS im März 1970.

Als sich das Jahr 1968 dem Ende zuneigte, wurden auch manche Proteststrategen, die noch im Frühjahr mit glänzenden Augen von einer neuen, paradiesischen Epoche fantasiert hatten, sehr nachdenklich.


Zu Unruhen kam es zwar bis in die Siebzigerjahre, aber die Kämpfe wurden nach dem Jahreswechsel 1968/69 meist innerhalb der Hochschulen ausgetragen.
Dieses Buch schildert eine Jugendbewegung, die schon im zweiten Halbjahr 1966 begann, aber erst nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 größeren Zulauf erfuhr und dann von der Berliner Öffentlichkeit auch stärker wahrgenommen wurde.
Sie erregte – und ängstigte – viele sogenannte normale Bürger; vor allem Menschen, die in bescheideneren Verhältnissen lebten.

Der Aufruhr war Teil einer Entwicklung, die in den begonnen und auf zahlreiche europäische Länder sowie Japan übergriff. In der Bundesrepublik und Berlin schlugen die Unruhen überraschend schnell einen nicht unerheblichen Teil der heranwachsenden Generation in ihren Bann. Die Rebellion gegen und Autoritäten erreichte im April nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke ihren Höhepunkt.

Wichtigster Schauplatz der Auseinandersetzungen war in Deutschland paradoxerweise der Westteil Berlins, dessen freivorwortheitliche Existenz als westliche »Insel« inmitten einer feindseligen kommunistischen Umgebung stets ganz besonders bedroht war.
Dieses Gemeinwesen, das unter alliiertem Besatzungsrecht stand, seit 1961 von einer die Bewegungsfreiheit seiner Bewohner einengenden Mauer umgeben und auf den Ausgleich seines Haushalts durch jährliche Milliardenzahlungen des Bundes angewiesen war, bot sich am wenigsten für gesellschaftspolitische Experimente an.
Schon gar keine Sympathie zeigten die große Mehrheit der knapp 2,2 Millionen West-Berliner für das von Rudi Dutschke propagierte Modell einer »freien Stadt«, zumal es bereits zehn Jahre zuvor vom sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow vorgeschlagen und damit kompromittiert worden war.

Die meisten Wortführer des Protestes kamen aus Westdeutschland oder waren – wie und sein enger Mitstreiter Bernd Rabehl – »Abhauer« (so eine Formulierung Rabehls) aus der im Westen damals noch allgemein als »Zone« bezeichneten DDR.
Vielen SDS-Funktionären waren die Erfahrungen fremd, die man in Berlin während der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte gewonnen hatte. In dieser Zeit waren die Stadt geteilt und das Leben im Westteil durch eine sowjetische Blockade, das Chruschtschow-Ultimatum und den Bau der Mauer massiv bedroht und beeinträchtigt worden.

Die vor allem durch die Lektüre der Werke von Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin, Mao Tse-tung, Ernst Bloch, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse ideologische geschulten Zuwanderer konnten sich nicht mit der Mentalität der einfacheren Bevölkerungsschichten arrangieren, die als kleinbürgerlich und spießig galten. Umgekehrt tat sich auch die Bevölkerung im Umgang mit den aufbegehrenden jungen Leuten schwer.
Sie war es gewohnt, gegen Bedrohungen von innen und außen zusammenzustehen, und hielt deshalb die Aufmärsche und lautstarken Proteste, vor allem, wenn sie sich gegen die Schutzmacht USA wandten, für unerträglich und schädlich.
Gerade in den Arbeiterbezirken wie Neukölln, Kreuzberg oder Wedding konnten es viele nicht begreifen, dass ausgerechnet junge Leute aus gesicherten Familienverhältnissen, die als Studenten privilegiert waren, gegen Eltern und Lehrer, Staat und Gesellschaft rebellierten und den Umsturz der parlamentarischen Demokratie planten.

Es kam häufig zu heftigen Zusammenstößen, bei denen auf beiden Seiten Wunden geschlagen wurden, die noch lange offenblieben. So manche damalige Verletzung scheint bis heute nicht völlig verheilt zu sein. Auch der Streit darüber, was 68 und die 68er bewirkt oder auch, welchen Schaden sie angerichtet haben, ist offenbar noch längst nicht ausgestanden. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat im Oktober 2007 mit seinem Buch Der große Selbstbetrug deutlich gemacht, mit wie viel Brisanz das Thema 1968 weiter aufgeladen ist.
Der SDS-Veteran Oskar Negt, sprach in seinem 1995 erschienenen Buch Achtundsechzig von einem »symbolbesetzten« und »in jeder Hinsicht anstößigen« Jahr 1968. Der 1934 geborene Negt, einst Assistent von Jürgen Habermas, von 1970 bis zu seiner Emeritierung 2002 Professor für Soziologie in Hannover und dort viele Jahre mit Gerhard Schröder befreundet, hat sich den Glauben an den Sozialismus im besorgten Herzen bewahrt.

Er meint, dass die 68er »zu früh Gekommene« seien und das Jahr 1968 »wie ein Pfahl im Fleisch« der deutschen Gesellschaft fortwirke, wie dies bisher schon vor allem in den Bereichen Erziehung und Bildung, Justiz sowie Kultur geschehen sei. Die Zahl der 68er-Veteranen, die wie Wolfgang Kraushaar die Studentenrevolte als »Epochenbruch«, als »Knoten- und Umschlagspunkt in der Geschichte der alten Bundesrepublik« beschreiben ist groß (Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur). Als Sozialforscher an Jan-Philipp Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung stellt Kraushaar zwar fest, dass die 68er politisch weitgehend gescheitert seien, überbewertet aber gleichzeitig doch ihren gesellschaftspolitischen Erfolg.


Gewiss, die moralische Wertepriorität hat sich seit den Siebzigerjahren von der Freiheit in Richtung Gleichheit – damit aber nicht nur zum Besseren – verschoben. Die Gleichstellung der Geschlechter ist weiter fortgeschritten. Auch andere gesellschaftliche Bereiche wurden liberaler gestaltet. Doch viele Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte, mit denen sich die APO-Aktivisten von einst so gerne schmücken, sind nur bedingt ihr Verdienst.

Wenn sich die 68er zum Beispiel die »Befreiung« der Sexualität aus den erstarrten Regeln einer muffigen Vergangenheit an ihre Fahne heften, dann ist dabei Prahlerei im Spiel. Die Liberalisierung der Sexualmoral war in der Bundesrepublik längst vor der Protestbewegung zum öffentlichen Thema gemacht worden. Unter anderem geschah dies durch den seit 1954 bei der Berlivorwortner BZ und ein Jahrzehnt später als Autor für mehrere Illustrierten tätigen Journalisten und Schriftsteller Oswalt Kolle.


Die Ansicht, dass die Adenauer-Ära in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren eine farblose, verkrustete und »bleierne Zeit« gewesen sei, die von den revoltierenden jungen Leuten dringend durchlüftet werden musste, wird vor allem von Nachgeborenen vertreten, die jene Jahre nicht selber erlebt haben. Jutta Ditfurth, Mitbegründerin der Grünen, die im November 2007 eine Biografie über Ulrike Meinhof veröffentlichte, gibt zu, dass auch sie sich in diesem Punkt geirrt hatte.

In einem Interview für den Stern, das bei Erscheinen ihres Buches veröffentlicht wurde (Stern 46, 8. November 2007), sagte die Autorin, sie habe »Staunen gelernt«, als sie sich bei den Recherchen über die Jugendjahre von Ulrike Meinhof näher mit den Adenauer-Jahren beschäftigte.
In Wirklichkeit sei es »eine höchst lebendige Zeit voller Kämpfe« gewesen, »es gab massenhafte Demos gegen die Einführung der Bundeswehr, gegen die atomare Bewaffnung, wie Strauß sie forderte. Hunderttausende demonstrierten gegen den ›Atomtod‹«, heißt es in dem Interview.
In Berlin gab es im Übrigen ohnedies keine von Adenauer beherrschte Gesellschaft.
Hier regierten nacheinander Ernst Reuter, Otto Suhr und Willy Brandt – allesamt Sozialdemokraten, Persönlichkeiten, denen man keine reaktionäre Politik vorwerfen konnte.

Genauso verhält es sich mit der Mär, es hätte eines Rudi Dutschke sowie seiner Anhänger und Nachfahren bedurft, um in der Bundesrepublik dem Einfluss alter Nazis Einhalt zu gebieten. Es mag sein, dass so mancher 68er aus einem Elternhaus kam, in dem über die braune Vergangenheit nicht geredet wurde, bis die unbelasteten Söhne und Töchter gut zwanzig Jahre nach Kriegsende den Aufstand probten. Aber für viele Bundesbürger galt dies nicht.
Ich habe als junger Mensch selber häufig miterlebt, wie Altnazis sehr schnell Einhalt geboten wurde, wenn sie sich zu Wort meldeten.

Jürgen Habermas meinte noch 1988, die 68er Generation habe in der Bundesrepublik eine »Fundamentalliberalisierung« bewirkt. Später jedoch antwortete er auf die Frage, was von dem glorreichen Jahr geblieben sei: »Frau Rita Süssmuth«.
Mit dieser ironischen Bemerkung wollte er offenbar andeuten, dass die Rebellion nicht viel mehr als einen bescheidenen Linksruck der CDU bewirkt habe.Natürlich haben die 68er auch Prozesse angestoßen, vor allem Entwicklungen beschleunigt, die bereits in Bewegung geraten waren.
Hier stimme ich dem jungen Potsdamer Wissenschaftler Sebastian Wienges zu, der die Ansicht vertritt, dass die Aufrührer von 1968 für die weitere Entwicklung »weniger Initiatoren als Katalysatoren« waren. (Sebastian Wienges (Hg.) 68er-Spätlese – Was bleibt von 1968)

Da 1968, wie Oskar Negt schreibt, inzwischen eine symbolträchtige Jahreszahl geworden ist, werden mit ihr auch Vorgänge belegt, die mit der Studentenbewegung nur entfernt zu tun haben oder wie der Terrorismus der Roten-Armee-Fraktion erst Jahre später Schlagzeilen machten.
Wohl über keine Phase der Nachkriegszeit gibt es eine so umfangreiche zeithistorische Literatur, aber auch so viel Veteranenlatein wie über die kurze Zeitspanne der Studentenrebellion und außerparlamentarischen Opposition (APO), die nach den Bundestagswahlen 1969 mit der Bildung der sozialliberalen Regierung Brandt/Scheel schnell ihre Bedeutung verlor.
Über die Protestbewegung existieren allerdings auch gegen den Trend der Verherrlichung und Legendenbildung geschriebene Darstellungen und Analysen wie die des Bonner Politikprofessors Gerd Langguth. (Langguth, Protestbewegung Entwicklung – Niedergang – Renaissance. Die Neue Linke seit 1968).

Aber es ist schon etwas Wahres an dem, was die Journalistin Bettina Röhl feststellt: Ein Heer von Achtundsechzigern wache auf dem einst von Dutschke propagierten Marsch durch die Institutionen »mit eisernen Fäusten« darüber, dass ihre vermeintlichen Heldentaten – vor allem aber deren Folgen – in einem glänzenden Licht erscheinen.


Sie nennt die in die Jahre gekommenen und ihren alten Ideen anhängenden Revoluzzer, die »angefixten Generationen, die heute zwischen Ende 40 und 75 Jahre alt sind«. Von ihnen würden seit Jahrzehnten Geschichtsschreibung, Forschung, Lehre, Medienberichterstattung, Spielfilme und die Kunst beherrscht. (Bettina Röhl, Emanzipation von den 68er Säcken, publiziert am 27. März 2007 unter www.chilli.cc).

Im Herbst 2007 hat Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit seiner Streitschrift Der große Selbstbetrug die Entwicklung der Bundesrepublik und ihren nach seiner Ansicht kritikwürdigen Zustand weitgehend den 68ern zur Last gelegt. Wer wie Diekvorwortmann 1964 geboren wurde, übersieht allerdings, dass man über die Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre ein ähnliches Buch schreiben könnte.

Für die Anregung zu diesem Buch habe ich meinem Kollegen Sven Felix Kellerhoff, Redakteur für Zeitgeschichte der Tageszeitung Die Welt ganz besonders zu danken. Auch dem Unternehmensarchiv und dem Infopool Berlin der Axel Springer AG mit ihren hilfsbereiten Mitarbeitern sowie der Bibliothek des Berliner Abgeordnetenhauses bin ich zu großem Dank verpflichtet. Schließlich gilt mein Dank dem Verleger Wieland Giebel dafür, dass er diese Arbeit überhaupt erst möglich gemacht und mir mit Rat und Ermunterung zur Seite gestanden hat.
Berlin, Januar 2008

Michael Ludwig Müller

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