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Berlin Prenzlauer Berg

Text in deutsch und englisch

ISBN 978-3-86368-058-9
erschienen März 2012

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Vorwort


VOM ROTEN KIEZ ZUM NOBELQUARTIER

Zwischen 1980 und dem Mauerfall 1989 habe ich bei vielen Tagespassierschein-Aufenthalten in Ost-Berlin den Bezirk Prenzlauer Berg, sein Milieu und seine Bewohner fotografiert. Nach dem Mauerfall hat sich der Kiez wie kein zweiter verändert. Zu DDR-Zeiten war Prenzlauer Berg ein wenig gefragter Wohnort, denn die alten Gründerzeithäuser boten null Komfort, keine Zentralheizung, kein Warmwasser. Die Balkone waren oft entfernt, da schon einige abgestürzt waren. Die Fassaden befanden sich in verwahrlostem Zustand mit unzähligen Einschusslöchern  aus Kriegstagen und brüchigen Stuckgöttern. Die Wohnungen in den Hinterhöfen verfügten oft nur über ein Etagen-Klo. Fast sämtliche Häuser hatten Ofenheizung, die Kohlenträger  gehörten zum alltäglichen Stadtbild, sie schleppten die Briketts bis in den fünften Stock. Die Werktätigen zogen fort in die komfortableren Plattenbauten. Was blieb war ein Gemisch aus Rentnern, Müßiggängern, Studenten und Untergrundkünstlern, was zusammen mit den verfallenen Gründerzeitfassaden einen eigenartigen Charme von Proletariar-Bohème und Zille-Milieu ausstrahlte. Im Prater in der Kastanienallee fand man das Zille-Milieu pur, genauso wie die zahlreichen Fensterkieker mit dem Kissen unterm Arm.

Zum Straßenbild gehörten auch die Mach-Mit-Stützpunkte, wo man mit Glück etwas Farbe oder eine Tüte Gips kostenlos ergattern konnte, um dann selbst die eigene marode Wohnung zu renovieren. Der Kudamm von Prenzlauer Berg war die Schönhauser Allee. Wenn es eine neue Kollektion Schuhe bei Hans Sachs gab, war Anstehen im Boulevard des Nordens angesagt. Eine Aldi-Tüte, von den Westverwandten mitgebracht, schuf ein Flair wie heute eine Prada-Tasche. Und dann Konnopke! Deutschlands berühmteste Wurstbude hatte schon zu DDR-Zeiten Kultstatus, nicht erst, seitdem der damalige Kanzler Gerhard Schröder von dort seine Currywurst holen ließ. Der von den Nazis verwüstete Jüdische Friedhof am Anfang der Schönhauser Allee mit seinen damals zerstörten Gräbern ist ein makaberes Zeitdokument. Prominente wie Leopold Ullstein, Max Liebermann, Giacomo Meyerbeer und Moses Mendelssohn fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Der Friedhof war von der DDR bewusst in seiner verwüsteten Form belassen worden. Erst nach der  Wiedervereinigung wurden viele Grabstellen restauriert. Als der alte Gasometer in der Prenzlauer Allee gesprengt wurde, gab es heftige Bürgerproteste. In der DDR war das ein Novum. Um die aufgebrachte Bevölkerung zu beschwichtigen, die in dem  Gasometer ein Wahrzeichen ihres Bezirks sah, wurde an gleicher Stelle ein Park mit Kinderspielplatz und ein Planetarium gebaut. Das bereits 1986 geschlossene Stadtbad in der Oderberger Straße sollte eigentlich saniert werden, aber keiner wollte die enormen Kosten übernehmen, weder der Ostberliner Magistrat, noch der heutige Senat. Jetzt übernahm es die Stiftung Denkmalschutz. Zeitweilig wird das Schwimmbecken für  Theateraufführungen oder Events genutzt. Ein Abriss ist aufgrund drohender Bürgerproteste unwahrscheinlich.

Prenzlauer Berg war den DDR-Oberen aber immer ein Dorn im Auge, denn hier erhielt die SED bei den Wahlen nicht die üblichen 99,9 Prozent der Stimmen. Damals planten die DDR-Oberen, große Teile der Altbausubstanz abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen. Schließlich hatte der Widerstand gegen das DDR-Regime in der Gethsemane-Kirche in der Stargarder Straße mit den bekannten Fürbitte-Andachten einen Ursprung und trug auch zum Sturz des Regimes bei. Heute, nach der Wiedervereinigung, ist Prenzlauer Berg der beliebteste Wohnbezirk Berlins. Die Häuser wurden aufwendig modernisiert und restauriert und bilden das größte Gründerzeitgebiet Deutschlands. Kommt man heute nach Prenzlauer Berg, erkennt man viele Straßen nicht wieder. Erst die Straßenschilder machen einem glaubhaft, dass man sich in derselben Straße befi ndet wie zu DDR-Zeiten. Die unzähligen Bäume, die es vorher nicht gab, haben das Erscheinungsbild der Gegend bereichert. Unzählige schicke oder witzige Restaurants und Läden haben sich etabliert. Rund um den Kollwitzplatz ist eine ganz neue Szene entstanden, mit Yuppies, Zu-Geld-Gekommenen, Künstlern und Angehörigen vieler Medienberufe. Das Gemisch von alt und jung, Arbeitern und Intellektuellen machte einmal den Charme des Bezirks aus. Heute herrscht soziale Monotonie. Vor allem junge, gut situierte Ehepaare zieht es in den Bezirk und viele Ausländer, kaum Türken oder Araber, wie in anderen Teilen Berlins, sondern G8-Ausländer, nämlich Amerikaner, Briten, Franzosen und Italiener. Hohe Mieten und Eigentumswohnungen führen zu einem Austauschprozess der Bevölkerung. Immer mehr der ursprünglichen Bewohner des Bezirks können sich das Leben dort nicht mehr leisten und ziehen fort. Rund um den Kollwitzplatz sind achtzig Prozent der ursprünglichen Mieter weggezogen. Eigentumswohnungen kosten bis zu 4500 Euro pro Quadratmeter und die Mieten steigen entsprechend. Die Gentrifizierung verändert den Charakter des Bezirks, hier vielleicht stärker als in anderen Teilen Berlins oder sonstigen Metropolen. Von der politischen Szene ist kaum noch etwas vorhanden, heute ist hauptsächlich Konsum angesagt. Der Bezirk ist in einen Zustand dynamischer Veränderung eingetreten.

Wolfram Venohr im Frühjahr 2010

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