Nach dem Pogrom
Massenhaft KZ Berliner Juden in Sachsenhausen 1938/1939 Wie viele jüdische Männer genau aus der Reichshauptstadt in den Tagen nach dem Novemberpogrom festgenommen wurden, ist unbekannt. Es dürften bis zu 12.000 gewesen sein, mehr als ein Drittel aller im Rahmen dieser »Aktion« verschleppten Juden. Knapp 6000 wurden in das bei Oranienburg gelegene KZ Sachsenhausen gebracht. Innerhalb weniger Tage stieg die Gesamtzahl der Häftlinge von 8359 am 10. auf 14.078 am 20. November 1938. Der Börsenhändler Siegmund Weltlinger gehörte zu den Verhafteten: »Im Hof des Polizeipräsidiums standen hunderte von Menschen, lauter Juden. Wir wurden bald auf Lastwagen geladen und abtransportiert. Niemand wusste, wohin. Nach langer Fahrt über die nördlichen Vororte Berlins landeten wir im Konzentrationslager Sachsenhausen. Als wir in der Dunkelheit vom Wagen springen mussten, wurden wir von SS-Leuten mit Ohrfeigen, Fußtritten und Kolbenschlägen empfangen. Dann wurden wir durch ein großes Tor auf den riesigen, durch drei große Scheinwerfer erleuchteten Lagerplatz getrieben. Dort wurden wir geordnet und durch eine Ansprache des Lagerkommandanten begrüßt. Er sagte ungefähr folgendes: ›Ihr seid hier als Sühne für die feige Mordtat eures polnischen Rassegenossen Grünspan.
Ihr müsst als Geiseln hier bleiben, damit das Weltjudentum nicht weitere Morde unternimmt. Ihr seid hier nicht in einem Sanatorium, sondern in einem Krematorium.‹«1 Ein anderer Häftling erinnerte sich, dass die Neuankömmlinge durch ein »Spalier zuschlagender SS-Männer« laufen mussten. »Vor mir versuchte ein älterer Mann vom Lastwagen abzuspringen. Er stürzte so unglücklich, dass er sich einen Schädelbruch zuzog, an dessen Folgen er nach einigen Tagen starb.«2 Die ganze Nacht über mussten die eingelieferten Juden angetreten bleiben – bei Novemberkälte. Sie bekamen nichts zu essen oder zu trinken; dafür hängten einige SS-Leute Gefangenen Schilder mit antisemitischen Schmähungen um den Hals. Fortwährend wurden sie beschimpft, oft geschlagen und getreten. Wenn es den Wachen gefiel, ließen sie die oft älteren, verstörten Männer Kniebeugen machen. Wer aufgab oder hinfiel, wurde verprügelt. Einige der eingelieferten Menschen starben noch auf dem Appellplatz an Herzversagen.
Die Einweisungsprozedur ins KZ wurde zur Qual. Den Juden wurde brutal der Kopf geschoren, sie mussten ihre Kleidung abgeben und wurden zum Teil in der Badbaracke abgesprizt – wahlweise mit eiskaltem oder heißem Wasser. Dann kamen die Häftlinge, meist gekleidet in grobes Drillichzeug, in die Lagerbaracken. Weltlinger kam mit fast 300 Leidensgenossen in eine für 75 Mann gedachte Unterkunft: »Wir mussten nachts auf dem Fußboden schlafen, so eng aneinander gepresst, dass wir nur seitlich liegen konnten. (…) In den ersten drei Wochen starben etwa 25 Prozent unseres Blockes. Wie oft kam es vor, dass nachts der Nachbar röchelte und im Todeskampf lag.
Keiner konnte ihm helfen, und am Morgen lag man neben einer Leiche.«3 Unter den Mitte November 1938 eingelieferten Juden gab es mindestens 80 bis 90 Tote. Die Tage waren ebenso eine Quälerei wie die Nächte: Morgens um fünf Uhr wurden die Gefangenen lautstark geweckt, um halb sechs war Morgenappell. Die wenigen Toiletten und Duschen waren in der Zwischenzeit völlig überlaufen. Von sechs Uhr an mussten die Gefangenen mindestens zwölf Stunden lang harte körperliche Arbeit leisten, beim Straßenbau im Lagerkomplex helfen oder Holz im benachbarten Wald schleppen. Gegen 18 Uhr gab es den Abendappell und eine Schale dünne, lauwarme Suppe. Manchmal wurde die Arbeitszeit willkürlich in den Abend verlängert. Juden, für die es wegen der Masseneinlieferung keine Arbeit gab, mussten strafexerzieren. Da die Kleidung für den Spätherbst völlig ungeeignet war, litten die Gefangenen besonders unter der Kälte.
Der Hauptzweck der Verhaftungsaktion war, auf die in Deutschland verbliebenen Juden den Druck zur Auswanderung noch einmal zu erhöhen. Sie sollten möglichst schnell und das heißt: unter Aufgabe ihres restlichen Besitzes, ausreisen. Vor allem die Ehefrauen der verschleppten Männer versuchten deshalb im November und Dezember 1938 verzweifelt, Visa anderer Staaten zu bekommen – doch davon gab es viel zu wenige; die USA zum Beispiel hielten starr am Maximum von 27.370 Einwanderern aus Deutschland und Österreich pro Jahr fest, obwohl es mehr als viermal so viele Menschen gab, die sich um diesen Ausweg bemühten. Ein »Intergovernmental Committee on Refugees«, das 1938/39 mehrfach zusammentrat, konnte an der Weigerung praktisch aller Staaten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, nichts ändern. Die NS-Propaganda nahm diese Vorlage auf: »Die Juden« seien nicht nur im Dritten Reich unerwünscht, sondern weltweit.
Jüdischen Berlinern, die kein Aufnahmeland fanden, blieb nur eine Möglichkeit: Shanghai. Für die Einreise in die exterritorialen Gebiete der chinesischen Stadt, die von britischen, französischen und US-Soldaten kontrolliert wurden, brauchte man kein Visum. Voraussetzung war allerdings, dass man eine Schiffspassage buchen konnte; umgehend boten Geschäftemacher den verzweifelten Frauen Fahrkarten zu weit überhöhten Preisen an. Wer es bis Shanghai schaffte, war – allerdings unter meist ärmlichen Bedingungen – sicher. Insgesamt sind mindestens 18.000 Juden vor dem Terror der Nationalsozialisten hierher geflohen, davon etwa 2000 aus Berlin. Darunter war etwa die Familie des 13-jährigen Werner Michael Blumenthal, der später Finanzminister der USA wurde und seit 1997 das Jüdische Museum in seiner Heimatstadt leitet. Die Antmanns, Damenkonfektionäre am Hausvogteiplatz, ergatterten einen Platz auf einem Auswandererschiff; jedes Familienmitglied konnte genau einen Koffer mitnehmen.
Nach einem Monat im KZ wurde der Arzt Erich Nathorff entlassen. Er sagte seiner Frau nur: »Es geht mir gut, und es ging mir gut. Und nun frage nicht weiter!« Hertha Nathorff schrieb in ihr Tagebuch: »Hauptsache, er lebt, er ist da!« Sie hatte Verständnis für seine Verschwiegenheit: »Ich weiß ja, sie haben vor der Entlassung unterschreiben müssen, nichts zu erzählen, und ich frage nichts. Ich sehe nur seine blaugefrorenen, zerschundenen, wunden Hände. Diese einst so gepflegten Hände, die die Patienten so liebten. Hände, die nie weh tun konnten, wie sie oftmals sagten. Und nun, ich möchte weinen, wenn ich nur seine Hände sehe. Aber ich sehe noch mehr. Auch sein Gesicht ist anders geworden. Verschlossen und hart, aber Hauptsache, er lebt.«4 Siegfried Weltlinger kam ebenfalls Mitte Dezember 1938 wieder frei, weil er sich im Ersten Weltkrieg als Frontkämpfer ausgezeichnet hatte – für Juden wie ihn setzte sich das Oberkommando der Wehrmacht wenigstens ein wenig ein.
Gern ließ die SS ihre wehrlosen Opfer freilich nicht ziehen: »Bei der Abschiedsrede sagte uns der Lagerkommandant: ›Ich gebe Euch den guten Rat, so schnell wie möglich aus Deutschland zu verschwinden. Ich warne Euch, im Ausland Gräuelmärchen vom Konzentrationslager zu erzählen, denn unser Arm reicht weit!‹ (…) Als ich nach Hause kam und vom S-Bahnhof aus meine Frau anrief, damit sie mir entgegenkomme, wurde ich auf der Straße weder von ihr noch von meinen Kindern erkannt; so sehr hatte ich mich verändert.«5 Im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße mussten im Dezember 1938 und Januar 1939 rund 600 freigelassenen Häftlingen aus Sachsenhausen erfrorene Gliedmaßen amputiert werden – eine direkte Folge der kalkuliert unmenschlichen Haft im KZ. |