Der Novemberpogrom 1938 und die Verfolgung der Berliner Juden
ISBN 978-3-929829-66-2erschienen Oktober 2008 Zum Buch...
VorwortWarum dieses Buch?
Im zweiten Teil geht es um die Vorgeschichte des Pogroms, im einzelnen um die Entwicklung der Berliner jüdischen Gemeinde seit 1871, um den zunehmenden, von der NSDAP und Goebbels bewusst geförderten Antisemitismus, um den Einschnitt, den Hitlers Ernennung zum Reichskanzler vor allem auch für deutsche Juden darstellte, und um die Bösartigkeit, mit denen Behörden und Privatleute die Ausgrenzung dieser Minderheit häufig aus Eigennutz vorantrieben. Der dritte Abschnitt setzt ein mit den direkten Folgen des Pogroms und behandelt die Fortsetzung der NS-Ausrottungspolitik mit besonderem Blick auf die Reichshauptstadt. Da das vorliegende Buch den schmalen Umfang von 96 Seiten nicht überschreiten sollte, mussten Autor und Verlag gerade im zweiten und dritten Abschnitt auf eine ausführlichere Darstellung verzichten. Einer wissenschaftlichen Untersuchung der Judenverfolgung in Berlin kann und will ich nicht vorgreifen; im Gegenteil: Es wäre wünschenswert, wenn eine der zahlreichen aus Steuermitteln finanzierten Institutionen, die sich in der Bundeshauptstadt dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus widmen, endlich große Arbeiten sowohl über die Geschichte Berlins unter Hitler im Allgemeinen wie speziell über den Rassenwahn in seiner regionalen Ausprägung erarbeiten würden. Schon vor mehr als drei Jahren habe ich, im Vorwort zu meinem Buch »Hitlers Berlin«, auf dieses Desiderat hingewiesen. Geschehen ist seither beinahe nichts.
Beide Formulierungen erläuterten die Autoren der Artikel nicht weiter, wohl weil sie annehmen durften, ihre Leser würden verstehen. In kritischen Aufzeichnungen aus dem November 1938 ist der Begriff jedoch nicht zu finden; weder in den Berichten der Exil-SPD noch etwa im Tagebuch von Ruth Andreas-Friedrich. In der offiziellen Propagandasprache der NSDAP tauchte das Wort sowenig auf wie in internen Berichten der Gestapo; hier war meist von der »Judenaktion« die Rede.4 Der Dresdner Romanist Victor Klemperer, als verfolgter Jude jeder Sympathie für die Nazis unverdächtig, verwendete in seinem Tagebuch 1938 und erneut 1943 die Formulierung »Grünspan-Affäre«. Nicht einmal der Journalist und Sprachexperte Dolf Sternberger, der unmittelbar nach 1945 begonnen hatte, die Deutschen über menschenverachtende Formulierungen »Aus dem Wörterbuch des Unmenschen« aufzuklären, vermochte den Ursprung des Wortes aufklären: »Mir ist in Gesprächen gelegentlich die Vermutung begegnet, die Täter selbst hätten das Wort erfunden, und es ist wahr, man könnte auch ein Interesse am Euphemismus heraushören. (…) Trotzdem glaube ich nicht, dass das Wort ›Reichskristallnacht‹ einer nationalsozialistischen Schnoddrigkeit seine Entstehung verdankt. Das Verwegen-Lustige daran und das ›Kristall’-Interesse wäre dem Göringschen Milieu zwar durchaus zuzutrauen, nicht aber der Jux mit dem ›Reich‹. Diese Zusammensetzung hat ja auch eine höhnische Note, indem sie das parteiamtliche und das reichseinheitlich Durchorganisierte des Vorgangs blitz- und witzhaft kenntlich macht. ›Von wegen Volksaufstand!‹, heißt das doch auch, ›ihr könnt uns nichts erzählen, das ist ’ne Reichssache!‹ (…) Kurz, die Vermutung spricht am ehesten für den anonymen Volkswitz, zumal den berlinischen.«
1978 schlug ein SPD-Bundestagsabgeordneter vor, besser von »Reichspogromnacht« zu sprechen.7 Dieser im Bemühen um politische Korrektheit geprägte Begriff hat sich sei 1988 zunehmend durchgesetzt, obwohl ihm im Gegensatz zur Prägung »Kristallnacht« jede Authentizität fehlt. In diesem Buch verwende ich die Kunstschöpfung »Reichspogromnacht« daher nicht, sondern den zeitnahen Begriff in Anführungszeichen; sie sollen verdeutlichen, dass es sich um einen hochproblematischen Begriff handelt. Daneben steht die ebenso schlichte wie sachlich treffende Bezeichnung Novemberpogrom. Im November 2008 jährt sich die »Kristallnacht« zum 70. Mal. Solche runden Jahrestage rücken wichtige Ereignisse der Vergangenheit stets in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Daran ist, dem verbreiteten Unbehagen bei Universitätshistorikern zum Trotz, nichts Schlechtes. Wichtig ist, dass man sich erinnert. Denn wenn überhaupt etwas schützt davor, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, dann nur die Erinnerung. |
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