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Fernsehturm Berlin

Vom Bau bis heute

ISBN 978-3-929829-99-0
erschienen September 2009

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Der Bau 1965-1969

Heute hängt über jedem neu gebauten Einfamilienhaus irgendwann einmal ein Richtkranz, aber beim höchsten Bauwerk in Deutschland wurden die traditionellen Rituale »uffn Bau«, wie der Berliner sagt, stark vernachlässigt. Es gab keine Kassette mit neuesten Münzen, Gazetten und Dokumenten, die feierlich im Grundstein zugemauert wurde; der Berliner Fernsehturm war quasi ein Schwarzbau, denn als sich Anfang Mai 1965 die ersten Baggerzähne in den Boden fraßen, fehlten entscheidende staatlich beglaubigte Dokumente (die aber später nachgeliefert wurden). Dafür gab es bei den verantwortlichen Architekten, Statikern und Ingenieuren eine ungeheure Menge Papier mit unzähligen Berechnungen, Zeichnungen und Skizzen:

 

Hier geschah etwas vollkommen Neues. Nur in Moskau hatte man einen höheren Fernsehturm gebaut, und die Planer wussten zwar, wie sie Schornsteine in die Landschaft zu pflanzen hatten, auch schon ein kleiner Fernsehturm war im altmärkischen Dequede entstanden, aber dies hier? Mitten in der Stadt? So hoch wie es Tage im Jahr gab, 365 Meter, für jeden Tag einen? Und dann noch mit einer Kugel, die alle bis dato üblichen mastkorbähnlichen Gebilde in den Schatten stellte? Damals haben uns die beteiligten Ingenieure und Planer erzählt, was sie bewegte. Jeder Mann vom Bau weiß, was Altmeister Goethe einst zu seiner Profession gesagt hatte: »Fehler darf man machen, aber nicht bauen«. Das fängt schon beim Standort an. Für den Fernsehturm waren zahlreiche Gebäude westlich des S-Bahnhofs Alexanderplatz abgerissen worden, »schon unter den alten Kellern ergaben die 60 bis 80 Meter tiefen Bohrungen den oft geschmähten Brandenburger Kiessand, der sich hier jedoch bis zur Endtaufe als geradezu idealer Baugrund herausstellen sollte. Der Kies ist wenig setzungsempfindlich, er ist so dicht gelagert, dass er in nur sehr geringem Maße zusammendrückbar ist«, sagte Statiker Werner Ahrendt. Der Turm, hat er ausgerechnet, ist mit seinen 26 000 Tonnen ungefähr so schwer wie 216 Lokomotiven oder 866 Güterwaggons voller Kohle, und allein die Last der Kugel ist so groß, als hätte man da oben 40 Loks aufgehängt. »Und das«, fragt sich der Laie besorgt, »soll Wind und allen Wettern trotzen und nicht umkippen?« Der Statiker lacht: »Wir haben unserem Kind als Modell im Windkanal den Orkan um die Ohren pfeifen lassen, unsere Berechnungen sind exakt. Beton ist biegsam und elastisch. Sein breiter Fuß gibt dem Turm die notwendige Standsicherheit«.


Dieser »Fuß«, der dicke, umfangreiche Anfang der Betonröhre, in der neben drei Aufzügen Leitungen und Kabel sowie eine Nottreppe mit 936 Stufen untergebracht werden mussten, war das erste, was der Berliner Flaneur Mitte der sechziger Jahre aus dem Boden wachsen sah. Nicht jeder war von dem Beton mitten in der Stadt begeistert, aber als die Röhre wuchs und wuchs und schließlich die Silberkugel 200 Meter über der Erde schwebte, fand der Einheimische den betonierten Zahnstocher mit Lolliball immerhin »interessant« – und machte seine Witze. Zum Beispiel: Was passiert, wenn der Turm umkippt? Dann können wir alle durch die Röhre in den Westen laufen …

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