Vorwort
Wo liegt der Wedding? Ein Buch über den Wedding wollen Sie schreiben? Jetzt, wo er in dem Bezirk Mitte aufgegangen ist? – Ja, ein Lesebuch, das die alten und neuen Geschichten aus dem Wedding zusammenführt. Der Wedding ist seit dem 1. Januar 2001 kein Bezirk von Berlin mehr, aber deswegen werden wir kaum aufhören, uns mit seiner Geschichte zu befassen, einer der interessantesten aller Stadtteile Berlins. Der Wedding ist kein willkürlich zusammengewürfeltes Konglomerat von Orten, sondern eine gewachsene Siedlung, deren Ursprung mehr als 750 Jahre zurückliegt und die heute außerhalb von Berlin neben Charlottenburg, Schöneberg, Köpenick, Pankow und Spandau zu den populären Teilen der Stadt gehört. An der Pankemühle lag das erste Kurbad in der Umgebung Berlins. »Vom Wedding in alle Welt« exportierten die Elektro- und die Maschinenbauindustrie, was die Weddinger Arbeiterschaft produzierte. Der Rote Wedding schrieb Arbeitergeschichte. Ihm verdankten SPD und KPD ihren Aufstieg. Am Wissenschaftsstandort Wedding wurde und wird Geschichte geschrieben, sagen die hiesigen Forscher unserer Zeit.
Die Bernauer Straße war einer der Hauptschauplätze des Kalten Krieges. Die Siedlungsphasen der ganzen Stadt seit dem 18. Jahrhundert lassen sich im Wedding ablesen: vom letzten Kolonistenhaus aus friderizianischer Zeit über bemerkenswerte Zeugnisse der zwanziger Jahre bis hin zu den Schönheitsreparaturen der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der »Hauptstadtbezirk Mitte«, der die früheren Bezirke Mitte, Tiergarten und Wedding umfaßt, hat heute knapp so viele Einwohner wie der Wedding in seiner »besten« Zeit: 339 681 (Stand: Ende 2000).
Viele Menschen in Berlin haben ihre Kindheit im Wedding verbracht, nicht wenige ihr halbes Leben. Bis in die sechziger Jahre haben sie gern dort gelebt. Dann versetzte die Mauer den Wedding an den äußersten Rand West-Berlins. Handel, Gewerbe und Industrie wanderten ab. Flächensanierung zerstörte gewachsene Strukturen. Für die »feinen« Berliner im Südwesten der Stadt liegt der Wedding immer noch hart an der Grenze. Ob Mauer oder Mauerfall – die Ablehnung derer, die den Wedding aus eigener Anschauung meistens gar nicht kennen, ist groß. Ein ehemaliger Postbeamter aus Wilmersdorf, der seit seiner Jugend in Berlin lebt, war sehr erstaunt zu hören, daß es hier Filialen der Lebensmittelkette Reichelt gibt. Daß die Weddinger es sich leisten können, dort einzukaufen!
Längst überholt, doch immer noch ein Mythos, liegt der Wedding im »roten Bereich«. Aber nicht nur der Rote Wedding wird den Menschen im Gedächtnis haften bleiben, so daß ein neues Buch über diesen Teil Berlins keiner Rechtfertigung bedarf. Und Arbeiterinnen und Arbeiter sind hier lange schon in der inderheit. Der Wedding liegt heute wieder in Mitte – in doppeltem Sinne –, und ein bißchen liegt er i n u n s, weil es a n u n s liegt, was er ist und was er wird. Wer ein Buch schreibt, schreibt es nie ganz allein. Deshalb gilt es an dieser Stelle auch, Dank zu sagen.
Dank an die Weddinger Heimatforscher und an die Historiker, Architekten, Stadtplaner, Künstler und Fotografen beiderlei Geschlechts, deren Literatur und mündliche Äußerungen über den Wedding und deren Bilder vom Wedding die Grundlage meiner Arbeit waren. Die wissenschaftlichen Einrichtungen, über die ich im Kapitel »Wissenschaft und Forschung« berichte, und die Schering AG stellten vielfältiges Material und ihr Wissen in Gesprächen zur Verfügung. Oberstleutnant Pape von der Informations- und Pressestelle der Bundeswehr Berlin ermöglichte mir den Zutritt zur Julius-Leber-Kaserne. Neuigkeiten über die Pläne zur Freilegung und Renaturierung der Panke stellte mir Frank Baumgart vom Bezirksamt Mitte von Berlin, Amt für Umwelt und Natur zusammen. Ohne das Heimatarchiv und Heimatmuseum Wedding – jetzt Mitte Museum – hätte mein Buch nicht zustande kommen können: Sigrid Schulze hat in gemeinsamer tagelanger Arbeit die Mühe auf sich genommen, historisches Bildmaterial zu sichten mit der besonderen Absicht, bisher unveröffentlichte Fotografien zur Illustration des Buches zusammenzustellen. Das Wissen über den Wedding, das sie mir in unseren Gesprächen weitergab, ist in meine Texte eingeflossen. Sigrid Schulze, Gabriele Lang und Peter-Lutz Kindermann machten mich auf große und kleine Fehler in den Texten aufmerksam und vermittelten mir ihre detaillierten Kenntnisse über den Wedding.
Das notwendige Korrekturlesen konnte auf sehr unterschiedliche Köpfe verteilt werden: den professionellen, unbestechlichen der Lektorin Gabriele Reinhold, den architektonisch-politischen meines Bruders Heimo Komander, den linguistisch geschulten und »uninteressierten« meiner Schwester Sigrun Komander-Hoepner (sie hätte sonst nie ein Buch über den Wedding in die Hand genommen), den ästhetisch-kritischen von Ingeborg Borris, den analytisch-neugierigen von Claudia Christan und den heimatlich-bewußten, kunstinteressierten von Patricia Krey. Ich danke allen Beteiligten für ihre Bereitschaft, sich mit meinem Buch über den Wedding zu beschäftigen. Ihre Fragen, Anregungen und Verbesserungen habe ich aufgenommen und verarbeitet.
Gerhild H. M. Komander, Berlin-Wedding, im Juni 2006 |