Mahnen die Verlage ab?

Seit Jahren gibt es das Dauerthema „Abmahnungen“. Sind sie gerechtfertigt oder schickt die „Content-Mafia“ über ihre „Abmahn-Anwälte“ Unmengen Abmahnungen raus, nur um damit Geld zu verdienen? Und wie oft kommt das eigentlich vor?

In Gesprächen mit Leuten außerhalb der Buchbranche höre ich gelegentlich, dass Verleger an ihrem schlechten(?) Ruf selber schuld seien, wegen der ganzen Abmahnungen. Dabei sehe ich eigentlich nicht, dass Verleger per se einen schlechten Ruf haben, und ich denke auch nicht, dass in unserer Branche besonders viel abgemahnt wird. Ich sehe da das Problem einer „Filterbubble“, also dass man Meinungen, die sich im eigenen Umfeld tummeln, für wichtiger nimmt als andere. So ergibt sich innerhalb einer größeren Gruppe leicht eine festgefügte Meinung, die beim Einzelnen meist nicht auf eigenen Erfahrungen beruht. Darüber schrieb ich schon mal bei den Ruhrbaronen.

In meinem Verlag kommt es sehr selten vor, dass Bücher über das Internet getauscht werden. Als ich es einmal in einer Filesharingbörse mitbekam, fragte ich einfach, wie ich das Buch anbieten solle, damit ich den Bedürfnissen der Filesharer weiter entgegenkomme. Mich hat interessiert, ob es einfach nur darum geht, das eBook kostenlos zu erhalten, oder ob ich meine Vertriebswege optimieren kann. Leider erhielt ich keine Antwort.

Bei anderen Verlagen mag Filesharing ein größeres Thema sein. Prinzipiell kann ich verstehen, dass man z.B. gegen kommerzielle unlizenzierte Nachdrucke vorgeht, jedoch bin ich weiterhin nicht davon überzeugt, dass private Filesharer tatsächlich einen so großen Schaden anrichten, wie oft behauptet wird. Ich kann das zwar leider nicht mit konkreten Zahlen belegen, aber alle mir bisher genannten Zahlen zum Filesharing sahen mir sehr unrealistisch aus – übrigens sowohl die, die von Seiten der Verwerter als auch von der der Filesharer genannten.

Also kam ich zum Ursprung zurück: Wird denn wirklich so viel abgemahnt? Ich fragte mehrfach in meinem persönlichen Umfeld, auf Twitter und auf Facebook nach abgemahnten Personen. Sowohl auf Facebook als auch auf Twitter habe ich über 2.000 Kontakte und bin auch im Bereich der Filesharer gut vernetzt, also sollte ich eigentlich genug Reichweite für eine solche Umfrage haben. Zum einen fragte ich nach Abmahnungen wegen dem Filesharen von eBooks (oder gescannten Büchern), zum andern allgemein nach Abmahnungen von Minderjährigen, die mal ein paar Lieder runtergeladen haben (was auch ein häufig zitierter Fall ist).

Laut Wikipedia gibt es rund 1.000 Print-Verlage in Deutschland, die die Wikipadie-Relevanzkriterien erfüllen. Somit gibt gibt es tausende Verlage in Deutschland, wenn man alle zählt. Mir konnten nach all den Fragen siebzehn Verlage genannt werden, die Abmahnungen an private Filesharer verschickt haben sollen. Ansonsten gab es Fälle bei zwei Hörbuch-Verlagen und diverse US-Filmverwertern. Aber in meinem gesamten großen Umfeld habe ich niemanden gefunden, der jemanden kennt, der jemals wegen der oben genannten Dinge abgemahnt wurde. Somit schließe ich daraus, dass es entweder viel weniger Filesharer gibt als man meint oder aber viel weniger Abmahnungen. Egal welcher Fall es auch sein mag: Ich kann nach diesem Test das Argument, dass Verlage massiv abmahnen, einfach nicht nachvollziehen. Also sehe ich auch nicht die Notwendigkeit, diesem Teil der Urheberrechtsdebatte besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Da mache ich lieber sinnvolle Dinge und rede weiter mit den Verwertern und Filesharer in meinem Umfeld und sehe zu, wie ich diese Leute friedlich zueinanderbringen kann.

Das Ganze mag sich nach einer Sisyphus-Arbeit anhören, aber auch dieser Fall bringt mich wieder weiter, denn ich versuche, alle Argumente und „Argumente“ in dieser Diskussion selber nachzuvollziehen und mir selber eine Meinung dazu zu bilden. Nur dann kann ich gegenüber anderen einen sinnvoll begründeten Standpunkt vertreten.

 

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